Immer mehr juristischer Druck auf die Religionen

Rund dreissig Juristen und Theologen haben sich in Schönenwerd SO mit den Folgen der religiösen Pluralität auseinandergesetzt. Besonders interessant waren die Gedanken von Christoph Winzeler und Reinhold Bernhardt.

Dass Kirche auch eine Angelegenheit für Juristen ist, ist den meisten unbekannt. Am letzten Donnerstag tagte in Schönenwerd die Schweizerische Vereinigung für Evangelisches Kirchenrecht. Rund dreissig Juristen und Theologen diskutierten über die Auswirkungen der religiösen Pluralität auf die Kirchen. Verena Enzler, Präsidentin der Reformierten Kirche Kanton Solothurn und selbst Juristin, begrüsste die Besucher.

In seinem Vortrag beschäftigte sich Christoph Winzeler, Privatdozent an der Universität Fribourg und Mitglied der Bankiervereinigung, mit den Auswirkungen der Migration auf die Rechtsstellung der reformierten Kirche. Einwanderung sei kein neues Phänomen: Durch die Einwanderung der reformierten Glaubensflüchtlinge beispielsweise entwickelte die Lutherische Kirche schon im 17. Jahrhundert eine kirchenpolitische Offenheit, meinte Winzeler. Die Mission der Herrnhuter sei geprägt gewesen von Tugenden der Bescheidenheit und Mässigung aus «Ehrfurcht für den Gott dieser Welt, der sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens».

Misstrauischer gegenüber Religionen

Winzeler stellt fest, dass die Zunahme fremder Religionsgemeinschaften die Gesellschaft gegenüber der Religion allgemein misstrauischer gemacht habe. Entsprechend sei der staatliche Rahmen des Selbstbestimmungsrechts der Religionsgemeinschaften enger geworden. 1993 hielt das Bundesgericht die Dispens vom Schwimmunterricht für junge Muslime für zulässig. 15 Jahre später entschied das gleiche Gericht erheblich restriktiver.
Ebenso verschärfte sich die gesellschaftliche Sicht auf religiöse Symbole wie das Kopftuch, die Burka, das Minarett oder das Kreuz im Klassenzimmer. Verbote solcher Symbole seien rechtlich heikel und nicht schlüssig, meinte Winzeler. Warum sollte das Tragen eines Kopftuchs verboten werden, während die Ordenstracht einer Nonne erlaubt ist?

Winzeler befürchtet, dass durch die Gleichbehandlung der Religionen auch die christlichen Feste und Symbole unter Druck geraten und allmählich aus der Öffentlichkeit verschwinden.

Wahrheit in Offenheit

Für Reinhold Bernhardt, Dogmatiker an der Theologischen Fakultät Basel, ist die religiöse Pluralität eine von vielen Herausforderungen, denen sich die Kirchen stellen müssen.

Die Säkularisierung der Gesellschaft, der Mitgliederschwund, die abnehmende Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit und der schwindende Einfluss auf die Politik machten den Kirchen zu schaffen. «Durch die Zunahme anderer Religionsgemeinschaften gerät die reformierte Kirche unter Druck, ihr eigenes Profil zu schärfen und sich vermehrt dem religiösen Markt zu stellen», so Bernhardt. Die Kirche müsse ihre Antworten auf Lebensfragen und ihre Positionen zu gesellschaftlichen und politischen Fragen künftig klarer darstellen.

Im Gegensatz zu Freikirchen könne die reformierte Kirche ihren christlichen Glauben nicht als exklusiven Gegensatz zu anderen Religionen formulieren. Ihr Wahrheitsanspruch beruhe auf einer «Wahrheit in Offenheit»: Zur Gottes Schöpfung gehöre auch die Beziehung zu anderen Religionen. Und nach christlicher Sicht sei die Selbstoffenbarung Gottes zwar in der Person Jesu konzentriert, aber nicht auf sie begrenzt.

Bernhardt rät den Kirchen, im Kontakt mit anderen Religionen an dieser Offenheit festzuhalten. Das Beharren auf der interreligiösen Solidarität, der unbedingten Nächstenliebe und der Gastfreundschaft führe nicht zur Verwässerung des eigenen Glaubens, sondern zur Vertiefung.