„Verlernt, den Traum zu leben“

In der Flüchtlingsthematik hat sich die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche und ihren Hilfswerken seit vielen Jahren bewährt. Der folgende Bericht über eine Eritrea-Veranstaltung der Caritas zeigt, dass die Herausforderungen weit über die praktische Versorgung hinausgehen.

Verlernt, den Traum zu leben

Der Fluchtweg aus dem Süden nach Europa dauert oft Jahre. Jahre, die Menschen ihrer Wurzeln berauben und sie nicht vorbereiten auf das Danach.

Eine Luzerner Pfarrei, in der sechs Personen aus Eritrea im leer stehenden Pfarrhaus leben, macht die Erfahrung, dass die Flüchtlinge das geplante Zusammentreffen mit der Bevölkerung zum Kennenlernen nicht wünschen. Was aus Sicht der Gastgeber schwer verständlich ist, kann der deutsche Ethnologe und Eritrea-Kenner Magnus Treiber nachvollziehen. In dem Land, in dem es keinerlei staatliche Struktur mehr gibt und Willkür das Leben diktiert, ist Vorsicht zum Überlebensprinzip geworden. «Die Eritreer sind extrem misstrauisch», sagt Treiber. Es gebe in Eritrea zwar keine offene Gewalt. Aber: «Die Hölle steckt im Zerfall des sozialen Vertrauens.»

Die Flüchtlinge, die nach Europa gelangen, sind von dieser Erfahrung geprägt. Hinzu kommen die zermürbenden Jahre in Flüchtlingslagern ausserhalb Eritreas, bevor es jemand – vielleicht – übers Mittelmeer schafft. «Die Migration ist das einzige Zukunftsversprechen», sagt Treiber, «aber die Menschen geben damit auch ihre Gegenwart auf.» Beziehungen zerbrächen, der Zusammenhalt der Generationen.

Die Leere der Migration

Wenn Menschen, denen so der Boden unter den Füssen entzogen wurde, an ihrem Fluchtziel auf andere Menschen treffen, die ihre Geschichte nicht verstehen können (oder wollen), ist ein neuer Anfang doppelt schwierig. «Die Leere der Migration bereitet nicht vor auf ein Leben in jener besseren Welt, von der man geträumt hat», sagt Treiber. «Die Menschen verlernen, den Traum zu leben, den sie, am Fluchziel angelangt, endlich verwirklichen könnten.» do

Der Ethnologe Magnus Treiber lehrt an der Universität Bayreuth. In seiner Doktorarbeit befasste er sich mit den Freizeitmilieus und Lebensentwürfen junger Menschen in der eritreischen Hauptstadt Asmara. Treiber sprach am 18. September an einer Veranstaltung der Caritas Luzern.

Bericht: Doninik Thali, Römisch-katholische Landeskirche des Kantons Luzern, Fachbereich Kommunikation

Bild: Pia Zanetti, Caritas Schweiz